C. F. Gellert - sein Wirken und Schaffen
hoch gelobt – verehrt - kritisiert – vergessen - wieder entdeckt.

Mitte Dezember 1769 kam es in Leipzig zu einem unglaublichen Ereignis. Menschenmassen pilgerten über den Johannisfriedhof, zertrampelten rücksichtslos andere Gräber und begannen, den Grabhügel einer soeben fertiggestellten Grabstätte abzutragen. 'Zu Andenkenzwecken', war zu vernehmen. Das Grab, dem dieses fatale Interesse galt, war kein anderes, als das von Christian Fürchtegott Gellert.

Mehrmals schon war Gellert tot gesagt worden, konnte sich jedoch jedes Mal von den schweren Krankheitsschüben erholen. So geschehen zum Beispiel 1746, 1749 und 1757. Diese Gerüchte schadeten ihm aber in keiner Weise. Sein Ruhm förderte die Gerüchte und die Gerüchte trugen noch einmal mehr zur Legendenbildung schon zu Lebzeiten des Dichters bei. Als Gellert 1757 schwer erkrankte und das Gerücht von seinem Tod verbreitet wurde, verfasste Ewald Christian von Kleist im Oktober des gleichen Jahres sogar ein Sinngedicht auf Gellerts vermeintlichen Tod:

Als jüngst des Todespfeil, o Gellert, dich getroffen,
Klagt' ich, und weint' und sah den Himmel offen.
Auch den belebten Raum der weiten Welt sah ich:
Die Menschen weineten: die Engel freuten sich.

Aber im Dezember 1769 kam jede Hilfe zu spät. Selbst der Kurfürst schickte einen seiner Leibärzte nach Leipzig, um dem Sterbenskranken die bestmögliche ärztliche Hilfe zukommen zu lassen. Vergebens. Gellert starb am 13. Dezember 1769 in seiner Wohnung im Trinitätshaus, das sich im Innenhof des Großen Fürstenkollegiums befand. Hier wohnte er während seiner Zeit in Leipzig unter einfachen und bescheidenen Verhältnissen.

Die Nachricht von seinem Tod breitete sich wie ein Lauffeuer aus und hatte diese irrwitzige Handlung auf dem Johannisfriedhof zur Folge. Doch zeitgleich mit dieser enthusiastischen Verehrung wurde Kritik laut. Zu Lebzeiten hatte Gellert kaum negative Reaktionen erfahren. Umso heftiger entbrannte die Gellertkritik, als der Mythos Gellert zugleich mit dem Tod der Person angreifbar wurde. Unsachliche Angriffe auf Gellert, auf sein Wirken und Schaffen überschatteten die liebevollen Nachrufe, Ehrungen und Würdigungen.

Wer oder was zeichnete dafür verantwortlich?

Mitte der 60-ger Jahre des 18. Jahrhunderts entwickelte sich eine literarische Strömung innerhalb der Aufklärung, die „Sturm- und Drang- Bewegung“ (1765-1785). Junge Literaten zwischen 20 und 30 Jahren begehrten auf, wollten um jeden Preis 'anders' sein, als ihre Väter. Sie widersetzten sich jeglicher Bevormundung, lebten nach eigenen Gesetzen, stellten eigene Regeln auf und handelten nach eigenen Wünschen. Sie wandten sich strikt gegen die geltende, starre Form der Poetik, der „Regelpoetik“, die in mancher Hinsicht an eine Gebrauchsanweisung zu erinnern schien und setzten eine individuelle, künstlerische Form dagegen.

Als Leitbild galt das „Originalgenie“, das sich durch Kreativität und Schöpfergeist auszeichnete, seine Selbsterfahrung sowie Befreiung als Individuum thematisierte, sich stark von den anderen Menschen abhob und nicht für die breite Masse schrieb.

Die 'Zweckdienlickeit von Literatur', eine Dichtung als 'Medium für die moralisch-ästhetische Bildung', speziell Gellerts Selbstverständnis vom „Dichter als bescheiden dienendem Aufklärer und Erzieher der Menschen“ stieß bei der emporstrebenden Dichtergeneration auf umfassende Ablehnung und herbe Kritik. Zwei von ihnen, Jakob Mauvillion und Ludwig A. Unzer veröffentlichten 1771/72 ihren fingierten Briefwechsel „Ueber den Werth einiger deutscher Dichter....“, in dem sie schonungslos mit der alten Dichtergeneration abrechneten, ganz im Sinne des „Sturm und Drang“ mit Autoritäten und Traditionen brachen und die Vätergeneration radikal entmachteten. Insbesondere setzten sie sich mit Gellerts Wirken und Schaffen auseinander, degradierten ihn zu einem „--- sehr mittelmäßigen Scribenten --- ohne einen Funken von Genie --- zu einem Dichter für Landpastorentöchter“. Seine Dichtung sei nichts weiter als „fades Zeug“. Sie vollzogen an Gellert regelrecht den „Vatermord“.

Parallel zu dieser vernichtenden Kritik wurden über Gellert sachliche kritische Argumente laut, die aus der Zeittendenz heraus betrachtet, für uns heute auf jeden Fall nachvollziehbar sind.
Es ist eine Tatsache, dass der nach wie vor gefeierte Gellert die ernstzunehmenden Neuansätze in der zeitgenössischen Dichtung nicht erkannte oder nicht erkennen wollte. Er lehnte es ab, sich der aufbrechenden, literarischen Bewegung anzuschließen, vor allem auch deshalb, weil er die eigene Dichtergeneration für den Höhepunkt der literarischen Entwicklung hielt. Einmal notierte er: "Die besten Werke sind schon, ohne die Nachwelt geringe zu schätzen, geschrieben. ... Bessere Satyren als Rabener geschrieben? ... Bessere Erzählungen, als viele der meinigen sind? Ich zweifele ohne alle Eitelkeit."

Aus diesen Worten spricht auf keinen Fall Arroganz oder übersteigertes Selbstwertgefühl, sondern die Fehleinschätzung eines alternden Dichters.

Es wundert deshalb nicht, dass die Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, die sich an den Idealen der „Sturm- und Drang-Bewegung“ orientierte, einer 'ästhetisch minderwertigen Literatur' keinerlei Bedeutung einräumte. In diesem Zusammenhang erschien auch das Wirken von Gellert mehr als fragwürdig und führte zu seinem einstweiligen Vergessen.
Seit den 1980-er Jahren steht der bedeutendste Dichter der deutschen Aufklärung wieder im Blick der germanistischen Forschung, die inzwischen wichtige Teilaspekte von seinem Schaffen und Wirken in mehreren wissenschaftlich fundierten Werken offengelegt hat. Schon längst wird nicht mehr über den ästhetischen Wert seiner Dichtung gestritten. Im Mittelpunkt des heutigen Interesses stehen sowohl Gellerts praktische Wirkung auf das Publikum seiner Zeit als auch seine unumstrittene herausragende, literarische und kulturgeschichtliche Bedeutung.
Elke Fromm