Mitte Dezember 1769, vor genau 245 Jahren, kam es in Leipzig zu einem unglaublichen Ereignis. Ein frisch angelegtes Grab war gerade fertiggestellt, als erste Menschentrupps über den Johannis-Friedhof stürmten, rücksichtslos andere Gräber zertrampelten und hastig begannen, den Grabhügel des soeben Beerdigten abzutragen. 'Zu Andenkenzwecken', war zu vernehmen.

Das Grab, dem dieses fatale Interesse galt, war kein anderes, als das von Christian Fürchtegott Gellert.

Um die fanatischen 'Verehrer' zurückzuhalten, zogen die Stadtväter in Betracht, das Gelände des Johannis-Friedhofs zeitweilig abzusperren, bis wieder Ruhe einkehre. Ob es tatsächlich dazu kam, ist bislang nicht nachgewiesen.
Mehrmals schon war Gellert tot gesagt worden. Diese Gerüchte schadeten ihm aber in keiner Weise. Sie trugen eher noch einmal mehr zur Legendenbildung um seine Person bei. Doch im Dezember 1769 kam alle Hilfe zu spät. Selbst der Kurfürst hatte seinen Leibarzt Demiani nach Leipzig eilen lassen, um dem Sterbenskranken die bestmögliche ärztliche Hilfe zukommen zu lassen. Vergebens. 

Gellert starb am 13. Dezember 1769 im Gartenhäuschen, das sich im Innenhof des Großen Fürstenkollegiums, auch „Schwarzes Bret(t)" genannt, befand. Die Nachricht von seinem Tod breitete sich aus, wie ein Lauffeuer und hatte diese irrwitzige Handlung auf dem Johannis-Friedhof zur Folge.

'Verehrung, Huldigung oder Wahnsinn?'

Zeitgleich mit dieser übertriebenen 'Verherrlichung' waren unüberhörbare, von Ablehnung geprägte Äußerungen über Gellerts Schaffen und Wirken zu vernehmen, die mit Vehemenz und Angriffslust in die Öffentlichkeit getragen wurden. Zu Lebzeiten hatte er nur selten negative Reaktionen erfahren. Als Autor, wie auch als Professor bot er wenig Angriffsfläche dafür, weil er lebte, wie er schrieb und schrieb, wie er lebte. Umso heftiger entbrannte kurz nach seinem Tod die 'Gellertkritik', weil nun der 'Mythos Gellert' mit dem Tod der Person angreifbar wurde. So wundert es nicht, dass die liebevollen Nachrufe von unsachlichen, teils üblen Angriffen auf Gellerts Schaffen und Wirken begleitet wurden. 

Zwei junge Literaten, Jakob Mauvillion und Ludwig A. Unzer, begannen 1771/72 mit ihrem fingierten Briefwechsel „Über den Werth einiger deutscher Dichter" schonungslos mit der alten Dichtergeneration abzurechnen. Gellert degradierten sie zu einem „--- sehr mittelmäßigen Schriftsteller --- ohne einen Funken Genie---." An anderer Stelle bezeichneten sie ihn als „Dichter für Landpastorentöchter". Seine Dichtung sei nichts als „fades Zeug". Deutlich formulierten sie in ihrer Schrift die Standpunkte der sich formierenden „Sturm und Drang Bewegung" des ausgehenden 18. Jahrhunderts, in der logischerweise die Dichtung als Medium für eine moralisch-ästhetische Bildung und Erziehung des Publikums sowie ein aufklärerischer Zweck der Literatur keinen Platz fanden. Für die emporstrebende Dichtergeneration stand 'das Dichtergenie' im Vordergrund, das seine Selbsterfahrung und seine Befreiung als Individuum thematisierte und nicht mehr für die breite Masse schreiben wollte. Die elitäre Literaturauffassung war geboren.

Im Gegensatz zur totalen Ablehnung von Gellerts Wirken, stehen sachliche kritische Äußerungen, die entsprechend des Zeitgeistes dieser Bewegung, also aus der Zeittendenz heraus betrachtet, für uns heute durchaus verständlich scheinen. Überzeugt von seiner 'Mission', vermochte es Gellert leider nicht, die ernstzunehmenden Ansätze der zeitgenössischen Dichtung zu erkennen. Er hielt seine eigene Dichtergeneration für den Höhepunkt der literarischen Entwicklung und lehnte es bewusst ab, sich der aufbrechenden, literarischen Bewegung in den 1760-ger Jahren anzuschließen. Eine Fehlentscheidung, die eine Angriffsfläche für Kritik bot. So wundert es nicht, dass die Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, die sich an den Idealen der „Sturm und Drang Bewegung" orientierte, einer ästhetisch 'minderwertigen' Literatur keinerlei Bedeutung einräumte. In diesem Zusammenhang erschien auch das Wirken von Gellert mehr als fragwürdig und führte zu seinem einstweiligen Vergessen.

Seit den 1980-er Jahren steht der bedeutende Dichter der deutschen Aufklärung wieder im Fokus der germanistischen Forschung, die inzwischen wichtige Teilaspekte von Gellerts Schaffen und Wirken in zahlreichen wissenschaftlich fundierten Werken offengelegt hat. Schon längst wird nicht mehr über den ästhetischen Wert seiner Dichtung gestritten. Im Mittelpunkt des heutigen Interesses stehen sowohl Gellerts praktische Wirkung auf das Publikum seiner Zeit als auch seine herausragende, literaturgeschichtliche Bedeutung.

Gellerts Haus