Rittersaal des Barockschlosses Schön-Wölkau
Im Rittersaal des Barockschlosses Schön-Wölkau fanden vermutlich die Empfänge, Konzerte, Lesungen und Bälle statt. Foto: Archiv

C. F. Gellert und der Adel - ein Widerspruch?

Gellert, bekanntester Dichter der deutschen Aufklärung, war Repräsentant und Motor einer bürgerlichen Gesellschaftsstruktur, die sich als fortschrittliche Kultur Mitte des 18. Jahrhunderts durchsetzte und die überholten und veralteten Lebensformen des Adels ablöste.

Und dennoch stand Gellert mit bekannten adligen Familien, wie die Vitzthums von Eckstädt, die von Zedwitz's, die von Dieskaus und die von Anhalt-Zerbsts in enger Verbindung.

Ein Widerspruch? Nein.

Diese Widersprüchlichkeiten sind nur scheinbar, weil es gerade der Adel, genauer gesagt der Landadel war, der sich sehr schnell dem aufklärerischen Gedankengut öffnete und zu Gellert persönliche Kontakte suchte. So verwundert es nicht, dass sich gerade in den 50-er und 60-ger Jahren Gellerts Bekanntenkreis zunehmend aus Adligen zusammensetzte, die ihn und sein literarisches Werk hoch schätzten und sogar seinen Rat in alltäglichen Fragen suchten.

Die enge Beziehung zu den adligen Familien, die Korrespondenztätigkeit mit Gellert sowie das Vorlesen aus seinen Werken und Briefen in den Salons, unterstützten maßgeblich die weitere Verbreitung der aufklärerischen Ideen Gellerts, auch über den sächsisch-preußischen Umkreis hinaus.

Hinzu kommt, dass junge Adlige aus ganz Europa nach Leipzig kamen, in seine Vorlesungen über Moral drängten und folgerichtig ihrerseits einen Anteil an der "Volksaufklärung" leisteten.
Besonders gern weilte Gellert auf den Schlössern der Familie Vitzthum von Eckstädt (Wölkau und Störmtal) sowie auf dem Wasserschloss derer von Zedtwitz (Bonau) und führte insbesondere mit den Gräfinnen eine rege Korrespondenz, auf die im nächsten Artikel "Die Briefkultur im mittleren 18. Jahrhundert" eingegangen werden soll. Es gab Zeiten, da konnte sich Gellert vor Einladungen seiner adligen Gönner kaum retten und es blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Freizeit geschickt aufzuteilen, um keine der Familien zu enttäuschen, wie es im Frühjahr 1759 der Fall war.

Als die Gräfin Vitzthum erfuhr, dass Gellert Ostern in Bonau sein würde, bat sie ihn, die Hälfte der Zeit in Bonau und die andere Hälfte auf Wölkau zu verbringen. Gellert willigte ein.
Als sich sein Gesundheitszustand zunehmend verschlechterte und längere Fahrten für ihn immer unerträglicher wurden, wendete er sich vorrangig den Vitzthums auf Wölkau zu. Aber selbst die Entfernung von Leipzig nach Wölkau konnte er kaum ertragen und so klagte er 1760 ".... ich habe hohe Ursachen, aus Leipzig zu gehen, und habe doch wenig Lust dazu; und ich habe auch keinen Ort als Welkau; und Welkau ist ziemlich drey Meilen, und der Weg mehr als ziemlich schlecht. Wie soll das werden?"

Und doch weilte Gellert bis kurz vor seinem Tode 1769 immer wieder gern in Wölkau. Er liebte es besonders, mit der Gräfin durch den "prachtvollen" Park spazieren zu gehen und war des Lobes voll über die Gespräche mit seiner Gastgeberin. "---- sie hat nicht bloß Belesenheit, sie hat Genie und große Einsichten." Im Oktober 1758, nach seinem ersten Besuch in Wölkau, schrieb er an seine Schwester, dass Erdmuthe Gräfin Vitzthum von Eckstädt zu seinen treuesten Leserinnen gehört und "--- die Frau Gräfin kann mich auswendig."